15. April 2019

#itsoktofail mit Antje

Hallo zusammen,

ich bin gescheitert – und das war das Beste, was mir passieren konnte. Zwei Jahre ist es mittlerweile her. Ein 6.000 Meter hoher Gigant ragte vor mir empor. Ich stand am Fuße des Kilimanjaro in Tansania. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Mein Ziel lag direkt vor meinen Augen. Monströs, angsteinflößend, wunderschön. Was habe ich mir nur dabei gedacht? Ganz ehrlich: Nichts.

Ich saß an einem Samstagabend auf dem Sofa als der Wunsch aufkam, mal was Neues auszuprobieren. Na klar, sagte ich, warum nicht. YouTube war der Helfer in der Not. Wanderer bestiegen den höchsten Berg Afrikas. Ich sah wunderschöne Landschaften. Unglaubliche Weiten. Schmerzverzehrte Gesichter. Blutige Fersen. Erschöpfte Menschen. Und doch strahlten die Gesichter auf dem Gipfel um die Wette. Sie hatten alle ihr Ziel erreicht.

Diese Menschen waren glücklich, als sie ihr Ziel erreicht haben. Erschöpft, aber glücklich. Es zeigt, welche Anstrengungen jemand auf sich nimmt, um sein Ziel zu erreichen. Ziele sind wichtig. Ziele weisen uns den Weg. Ziele erreichen, ruft positive Gefühle hervor. Und genau das wollte ich auch erleben.

Doch wo anfangen, wenn man vorher noch nie gewandert ist? Richtig, erst einmal muss die Grundausstattung her. Das ging sehr schnell. Nach zwei Wochen schmückten Wanderschuhe meinen Schuhschrank. Bequem, atmungsaktiv und noch dazu wasserfest. Wanderstöcke und die richtige Kleidung waren schnell besorgt. Technisch war ich bestens ausgerüstet. Mein Ziel immer vor Augen. Etwas Wichtiges fehlte mir dennoch: Ich war schließlich vorher noch nie länger als zwei Stunden gewandert. Ausdauer sollte ich mitbringen. So empfehlen es erfahrene Wanderer. Ein Trainingsplan musste her. Gesagt, getan.

Acht Monate später konnte es losgehen. Ich war bereit. Mein Ziel: den Gipfel bezwingen. Etappe für Etappe marschierten wir los. Einen Kilometer nach dem anderen ließen wir hinter uns. 2.000 Meter Höhe: Die Affen ermutigten uns im Regenwald mit ihrem Geschrei. Alles erschien uns sonnig. 3.000 Meter: Die Moorlandschaft verschlang jedes Geräusch. Nebel versperrte uns die Sicht zum Gipfel. 4.000 Meter: Felsen lagen im Weg. Jeder Schritt schmerzte. 5.000 Meter: Wir erreichten die Schneegrenze. Jeder Meter wurde zur Qual.

Ob man es glaubt oder nicht. Weiter kam ich nicht. Das Ziel vor Augen, drehte ich schweren Herzens um. Erschöpft. Entkräftet. Enttäuscht. Mein Wasser: Eingefroren. Gegessen hatte ich das letzte Mal vor fünf Stunden. Appetitlosigkeit ist ein typisches Phänomen in Höhen über 4.000 Meter Höhe. Ich wusste: Es sind nur noch elf Stunden für die letzten 900 Höhenmeter. Nur noch elf Stunden bis zum Gipfel. Nur noch elf Stunden Qual. Bei minus 10 Grad rannen mir die Tränen über die Wangen.

 

Ich hatte mein Ziel überschätzt. Ich war gut ausgerüstet. Ich hatte trainiert. Doch letztlich zeigte mir mein Körper, wer der Stärkere ist. Und genauso verhält es sich mit Zielen. Der Weg dahin führt oft über Umwege. Eine gute Struktur ist kein Garant. Realistische Ziele müssen her. Unwägbarkeiten erkennen und respektieren. Geht es auf einem Weg nicht weiter, suchen sie sich einen anderen. Nicht aufgeben Ziele fest im Blick haben.

Aber etwas Entscheidendes hat dennoch gefehlt. Ich war nicht mehr in der Lage, mich selbst zu motivieren – und es war niemand da, der mich motiviert hat. Was das allerdings ausmachen kann, hat sich dann im Oktober 2017 gezeigt. Mit einem kleinen Team von vier Leuten stand das nächste Ziel auf dem Programm: das Basis Camp des Mount Everest. Nachdem ich die Enttäuschung des Kilimanjaros verdaut hatte, zeigte sich, dass man gemeinsam weitaus mehr schaffen kann.

Die Anstrengung: auf einem ähnlichen Level. Die Herausforderung: auf einem ähnlichen Level. Das Ergebnis: ein ganz anderes. Zusammen haben wir – trotz gemeinsamer Erschöpfung – das Basislager erreicht. Das Gefühl, dort oben anzukommen, ist ein unglaubliches. Vor allem vor dem Hintergrund, dass man es zuvor woanders nicht geschafft hat.

Manchmal muss man einfach ein Ziel verfehlen, um ein anderes zu erreichen. Und es ist immer einfacher, wenn man es nicht alleine erreichen muss oder will. Viele haben mich anschließend gefragt, ob es Parallelen zum Job gibt. Ich für mich kann nur sagen, definitiv. Jeder muss das aber für sich selbst herausfinden.

Dieser Artikel wurde von unserem Mitarbeiter geschrieben.

Antje Lewe

Spokeswoman, Head of External Communications

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