Kapitel 8

Continental als Weltunternehmen. Die verschlungenen Wege der Internationalisierung

Ihre Exportorientierung und internationale Ausrichtung trieb Continental schon frühzeitig erfolgreich voran – das zeigte sich bereits in den ersten Jahren und Jahrzehnten ihrer Unternehmensgeschichte. So setzte das Management bereits früh darauf, die innovativen Produkte aus Weichgummi in andere europäische und außereuropäische Länder zu liefern, weit über Hannover und Deutschland hinaus. Siegmund Seligmann legte als kaufmännischer Direktor zwischen 1879 und 1925 den Grundstein für den Aufstieg der Continental von einer kleinen Hannoverschen Gummifabrik zu einem international tätigen Technologiekonzern. Heute ist Continental mit über 500 Standorten in 58 Ländern und Märkten so international aufgestellt wie nie zuvor.

150 Jahre Continental als Weltunternehmen

„Die Firmierung [Continental], die bereits seit 1871 dieselbe ist, geschah seiner Zeit in der Absicht, einen absolut internationalen Namen zu haben, der es Continental gestattet, überall ihrer Vertretung, sei es in Frankreich, in Italien, in Russland, Übersee, den gleichen Namen zu geben.“ Das Zitat stammt aus einem Brief des Continental-Direktors Siegmund Seligmann vom 11. Januar 1915. Es verdeutlicht, wie stark Continental schon bei der Gründung die künftige Internationalisierung des Unternehmens im Blick hatte. Seligmann sah sich in diesem Brief mitten im Ersten Weltkrieg veranlasst, die Herkunft und Bedeutung des Unternehmensnamens zu erläutern. Es waren Stimmen laut geworden, dass „Continental“ fremdsprachig klang und deshalb eingedeutscht werden sollte.

Letztlich blieben aber alle nationalistisch motivierten Versuche erfolglos, Continental zu einer Änderung des Unternehmensnamens zu drängen. Denn eine Eindeutschung der Firmenbezeichnung wäre schon früh undenkbar gewesen, da Continental einen Großteil ihres Geschäfts im Ausland machte: Bereits im Jahr 1913 hatte das Auslandsgeschäft einen Anteil von fast 50 Prozent des Gesamtumsatzes.

Internationalisierung um den Ersten und Zweiten Weltkrieg

Es ist nicht bekannt, wann genau Continental ihr erstes Produkt exportierte. Das Unternehmen trieb aber bereits rund um das Jahr 1881 eine Ausweitung des Exportgeschäfts voran. Spätestens mit den ab 1892 hergestellten Luftreifen für Fahrräder und ab 1898 auch für Automobile stellte Continental Produkte her, die in anderen Märkten konkurrenzfähig waren.

Zu Beginn ihrer Unternehmensgeschichte zeichnete sich Continental weniger durch bahnbrechende Erfindungen aus. Vielmehr war das Unternehmen sehr erfolgreich darin, neue Technologien zu industrialisieren und weiter zu perfektionieren. Insbesondere die Vorstände Siegmund Seligmann und Adolf Prinzhorn kooperierten offen mit internationalen Wettbewerbern, tauschten Know-how aus und erwarben strategisch wertvolle Lizenzen. Diese Offenheit für andere Erfindungen und innovative Weiterentwicklungen ebnete den Weg für den Aufstieg und die Diversifizierung von Continental: Sie erweiterte ihr Angebot von anfangs einfachen Konsumgütern aus Gummi über Reifen hin zu hochspezialisierten technischen und chirurgischen Produkten.

Continental baute ungeachtet der teilweise erheblichen Zollschranken ein internationales Netz an Niederlassungen auf. So organisierte sie den lokalen Vertrieb und das Marketing vor Ort. Um die Handlungsfähigkeit in den einzelnen Märkten und letztlich auch die Sichtbarkeit zu erhöhen, wurden einige dieser Niederlassungen ab 1904 in eigenständige Aktiengesellschaften umgewandelt. Vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs verfügte Continental über ein Netz aus 110 Niederlassungen in 53 Ländern.

Mit dem Ersten Weltkrieg erlitt die Internationalisierung des Geschäfts von Continental einen heftigen Rückschlag. Als das Unternehmen 1924/25 Bilanz zog und die Umsätze mit dem Vorkriegszeitraum 1913/14 verglich, fiel das Ergebnis erschütternd aus: Der Umsatz in Italien war über 95 Prozent gesunken, für Frankreich betrug der Umsatzrückgang über 92 Prozent und in Spanien über 70 Prozent. Trotz aller Bemühungen gelang es Continental nur schwer, die vor dem Ersten Weltkrieg aufgebaute Position im Ausland wiederzugewinnen.

Als sich die wirtschaftlichen Voraussetzungen nach Jahren der Inflation und Wirtschaftskrisen endlich wieder besserten, sah sich der Continental-Vorstand nach der Machtübernahme Hitlers im Januar 1933 wiederum mit einem Regime konfrontiert, das Internationalität völlig ablehnend gegenüberstand. Erfolgreich war nur die Errichtung einer Reifenfabrik im spanischen Torrelavega im Frühjahr 1936. Erstmals nach 1914 verfügte Continental damit wieder über ein eigenes Werk im Ausland. Schon wenige Monate nach Produktionsbeginn geriet das Projekt jedoch ins Stocken, als Torrelavega im Spanischen Bürgerkrieg besetzt wurde und der Kontakt nach Hannover für über anderthalb Jahre abriss.

Nach dem Ersten Weltkrieg war das Auslandsnetz des Unternehmens weitestgehend zusammengebrochen, was Continental in ihrer Entwicklung um Jahre zurückwarf. 1913 betrug der Anteil des Exports am gesamten Umsatz von Continental noch 54,5 Prozent, 1926 hingegen nur noch 17 Prozent. 1934 machte der Export 9,1 Prozent des Gesamtumsatzes aus und 1938 nur noch 5,4 Prozent. Auch der Zweite Weltkrieg zog das Auslandsnetz in Mitleidenschaft und sorgte für dessen Zusammenbruch. Folglich setzte Continental den Fokus der folgenden Jahre auf den heimischen Markt. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war das Unternehmen dort jedoch mit einer zunehmenden Konkurrenz konfrontiert. Die Konzentration auf das Inlandsgeschäft dauerte bis Mitte der 1960er Jahre an.

Die vier großen Internationalisierungsphasen nach dem Zweiten Weltkrieg

Erste Internationalisierungsphase

Carl H. Hahn fuhr als neuer Vorstandsvorsitzender ab April 1973 nicht nur einen harten Sanierungskurs; er setzte bei der Internationalisierung auf eine andere Strategie als seine Vorgänger. An den Aufbau eigener Werke war aufgrund der Rahmenbedingungen in der Nachkriegs-Ära zunächst nicht zu denken, aber Hahn wagte dennoch die Flucht nach vorn: 1974 trat ein Kooperationsvertrag mit dem US-Reifenkonzern Uniroyal in Kraft. Das Abkommen war Teil eines von Hahn initiierten Sanierungs- und Zukunftsplans, der unter anderem auf ein schnelles Aufholen des technologischen Rückstands setzte. 1979 übernahm Continental dann das komplette Europageschäft der Uniroyal. Die Nachricht darüber war eine Sensation und zugleich Startpunkt der ersten Internationalisierungsphase nach dem Zweiten Weltkrieg.

Continental hatte zuvor jahrelang um das wirtschaftliche Überleben gekämpft und große Verluste geschrieben. Es kamen damals sogar Diskussionen auf, ob man nicht komplett aus dem Reifengeschäft aussteigen sollte. Nun entwickelte sich das mittlerweile sehr national geprägte Unternehmen jedoch wieder zu einem europäischen Konzern. Flankiert wurde die Übernahme durch eine Reihe weiterer Kooperationen mit Wettbewerbern. Die Zusammenarbeit war grundsätzlich nach einem ähnlichen Muster aufgebaut: Continental brachte das technische Know-how ein und erhielt dadurch Produktionskapazitäten und Vertriebskanäle in den jeweiligen Ländern. Diese pragmatische Vorgehensweise ermöglichte es Continental, trotz der fehlenden Ressourcen, aus eigener Kraft neue Märkte zu erschließen, die Weichen für eine erfolgreiche Zukunft zu stellen. Im Jahr 1979 betrug der Auslandsanteil am Konzernumsatz immerhin wieder 35 Prozent.

Zweite Internationalisierungsphase

Ab 1979 trieb Continental die Internationalisierung weiter massiv voran. Die zweite Internationalisierungsphase nach dem Zweiten Weltkrieg begann. Der endgültige Durchbruch zu einem internationalen und nun auch global aufgestellten Unternehmen gelang 1987 mit der Übernahme von General Tire aus Akron (Ohio). Seit 2001 firmiert das Unternehmen als Continental Tire North America, Inc. Auf einen Schlag erweiterte sich das Produktionsnetz von Continental um sechs Werke in den USA sowie Produktionsstätten in Kanada, Marokko und Mexiko. Der Auslandsanteil am Konzernumsatz lag nun bei 65 Prozent und erreichte damit nach 75 Jahren erstmals wieder das Niveau von 1913, dem bisherigen Höhepunkt der Internationalisierung.

Ende 1988 arbeiteten erstmals in der Continental-Geschichte mehr als die Hälfte der Mitarbeiter außerhalb Deutschlands. Aufgrund der Erweiterung des Unternehmens musste Continental eine gemeinsame Basis für die Zusammenarbeit finden und sich mit ihrer eigenen unternehmerischen Kultur und Identität auseinandersetzen. Das trug wesentlich zur Modernisierung und Zukunftsfähigkeit bei. Semperit (1985), Gislaved (1990) und Barum (1993) erweiterten in dieser Phase nicht nur das Reifenportfolio, sondern auch das internationale Produktionsnetz von Continental.

Dritte Internationalisierungsphase

In einer dritten Internationalisierungsphase wurden ab Anfang der 2000er Jahre vermehrt Produktionskapazitäten nach Osteuropa verlagert. Dieser Prozess hatte bereits in den 1990er Jahren begonnen und wurde nun umso intensiver fortgesetzt. Nach dem Ende des Kalten Kriegs ging Continental verschiedene Kooperationen mit lokalen Herstellern ein, um sich einen Anteil an den neu zu erschließenden Märkten zu sichern. Mit den Werken in Otrokovice (Tschechien), Púchov (Slowakei) und Timişoara (Rumänien) wurde das Produktionsnetz von Continental um Standorte erweitert, die heute mit Abstand zu den größten Reifenwerken des Konzerns gehören. In kürzester Zeit wurden weitere deutsche, aber auch zahlreiche internationale Unternehmen in den Continental-Konzern integriert. Phoenix (2004) und Veyance (2015) machten das 1988 gegründete Geschäftsfeld ContiTech zu einem der weltweit größten Spezialisten für Kautschuk- und Kunststofftechnologien.

Bereits seit den frühen 1990er Jahren verfolgt Continental dazu eine intensive Diversifizierungsstrategie, um sich von einem reinen Hersteller von Gummi- und Kunststoffprodukten zu einem breit aufgestellten Systemlieferanten zu entwickeln.Die dabei durchgeführten Akquisitionen wie Teves (1998), Temic (2001) und gerade Siemens VDO (2007) machten Continental zu einem umfassend globalisierten Unternehmen mit Werken und Vertriebsstandorten in allen Teilen der Welt. Damit wurden asiatische Standorte Teil des Konzerns. Im Jahr 2000 betrug der Auslandsanteil am Konzernumsatz 70,4 Prozent.

Vierte Internationalisierungsphase

In einer vierten Internationalisierungsphase wurde nach Überwindung der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise 2010 die Expansion nach Asien erheblich beschleunigt. Eigene bzw. gemeinschaftliche betriebene Werke gab es zu diesem Zeitpunkt bereits in Australien, China, Indien, Indonesien, Japan, Malaysia, auf den Philippinen, auf Sri Lanka, in Südkorea und Thailand. Elmar Degenhart trieb als Vorstandsvorsitzender den Expansionskurs in Asien abermals voran.

Mit heute über 500 Standorten in 58 Ländern und Märkten ist Continental damit so international aufgestellt wie nie zuvor. Der Auslandsumsatz des Konzerns kletterte von 72,8 Prozent (2010) auf 82 Prozent (2020). 24 Prozent des Umsatzes wurden im Geschäftsjahr 2020 in Asien erwirtschaftet, 25 Prozent in Nordamerika und 30 Prozent in Europa.

Fazit

Die Entwicklung der Continental von einer kleinen Hannoverschen Gummifabrik zu einem global operierenden Technologiekonzern zeigt, dass Continental ihre internationale Expansion erfolgreich vorangetrieben hat, trotz der wirtschaftlichen Rückschläge um den Ersten und Zweiten Weltkrieg. Internationalisierung ist seit der Gründung von Continental in ihrer DNA verankert und auch noch heute ein wesentlicher Treiber des Unternehmens.

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